Donnerstag, 15 Jumada al-awwal 1444 | 08/12/2022
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بسم الله الرحمن الرحيم

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen

Antwort auf eine Frage

Die Auswirkungen des russischen Krieges in der Ukraine

Frage:

Am 01.10.2022 stand auf der Website von France 24: Ein ukrainischer Armeesprecher gab den Einmarsch seiner Streitkräfte in die Stadt Lyman im Osten des Landes (Oblast Donezk) bekannt, nachdem die russischen Streitkräfte eingekesselt wurden. Russlands Präsident Putin hatte am Freitag die erste Mobilmachung seit dem Zweiten Weltkrieg in seinem Land angeordnet, nachdem er auf dem ukrainischen Schlachtfeld einen herben Rückschlag erlitten hatte. (Euronews, 21.09.2022) Erfolgt ist dies nach einer Gegenoffensive, mit der die Ukraine weite Gebiete, die russisch besetzt waren, zurückerobern konnte. Gegenüber dem Satellitensender Al-Hurra erklärte der stellvertretende ukrainische Verteidigungsminister am heutigen Sonntag, die Ukraine habe 10.000 Quadratkilometer, die Russland in der Ostukraine besetzt hatte, zurückerobert. (…) Kiew habe massive Unterstützung von den westlichen Staaten erhalten und ihnen sei die Gegenoffensive im Osten gelungen“, verdeutlichte er. (Al-Balad, 18.09.2022)

Die Frage lautet nun: Ist Russland tatsächlich militärisch schwach, oder sind die westlichen Waffenlieferungen massiv erhöht worden? Wird Russlands Teilmobilisierung der Reservisten die Wende bringen? Und welchen Sinn hat die Annexion der vier ukrainischen Regionen durch Russland, obwohl die Ukraine am Tag darauf Lyman zurückeroberte, das ja Teil der Ukraine war? Könnte es dazu kommen, dass Russland die Annektierung wieder aufhebt?

Antwort:

Zur Herauskristallisierung der neuen Fakten und um ihre Dimensionen und Auswirkungen zu verstehen, muss zunächst betont werden, dass große Kriege das schnellste und sicherste Mittel sind, die tatsächlichen Machtverhältnisse zu verändern. Das hat die Geschichte gezeigt. Aus der Chronologie des Ukraine-Krieges wird Folgendes deutlich:

1. Der Ukraine-Krieg wurde von Russland nicht allein deswegen begonnen, um die russischsprachige Bevölkerung in der Donbass-Region zu verteidigen – auch wenn es Moskaus Vorwand war -, sondern auch, um Russlands Status in der Welt zu stärken. Kurz bevor Russland den Krieg entfachte, verlangte es von Europa, den USA und der Nato Sicherheitsgarantien, darunter die Forderung, die Ukraine nicht in das Nato-Bündnis aufzunehmen. Diese Ziele, die der russischen Auffassung entspringen, der Westen verhalte sich gegenüber Russland ungerecht und beschädige dessen internationalen Status als erstklassige Nuklearmacht, waren in allen Statements aus Moskau kurz vor Ausbruch des Krieges deutlich geworden. Bestätigt wird dies ebenfalls durch das Beharren Moskaus auf diese Garantien und darauf, dass die USA und der übrige Westen sie in schriftlicher Form fixieren. Daher – und das ist von äußerster Relevanz – haben die USA den russischen Krieg als Aufstand gegen die internationale Ordnung behandelt und nicht bloß als territoriale Ansprüche Russlands an die Ukraine oder als Verteidigung der russischen Bewohner in der Ostukraine. Und dem schloss sich Europa an. Die Umgangsweise des Westens und der USA ist hier gänzlich anders, als in dem ähnlichen Fall aus dem Jahr 2014, als Russland die Krim annektierte. Mit anderen Worten, Russland wurde als eine Großmacht behandelt, die sich gegen die allein von den USA angeführte westliche Weltordnung auflehnte.

2. Daher war die amerikanische und auch europäische Reaktion gegenüber Moskau hart. Russland, das für seine politische Torheit bekannt ist, hatte nicht damit gerechnet. Es wurde von Europa und den USA mit den schärfsten Sanktionen der Geschichte belegt. Russische Gelder im Ausland wurden eingefroren, und trotz des extrem hohen europäischen Bedarfs nach russischem Öl und Gas, haben die Staaten ihre Verbindungen zu Moskau abgebrochen. Europa, allen voran Deutschland, begann mit einer neuerlichen Aufrüstung, und die USA fingen zusammen mit den Europäern an, die Ukraine militärisch intensiv zu unterstützen. Im Zuge des Ukraine-Krieges setzten sich die USA deutlich als unanfechtbare Führungsmacht des Westens durch, nachdem dies in der Ära des vorangegangenen Präsidenten Trump in Frage gestellt wurde. Viele Risse im Verhältnis zu ihren Verbündeten haben die USA wieder zusammengeflickt. Und nachdem die Wahrheit über die russische Stärke, die Moskau antreibt, zu Beginn des Krieges nicht so klar war wie heute - sechs Monate nach Beginn der Ukraine-Invasion – fassten die USA den Entschluss, die Ukraine militärisch stufenweise zu unterstützen, wobei sie Moskaus Reaktion darauf stets im Blick behielten. Und mit der Zeit begannen die roten Linien Russlands, eine nach der anderen, zu fallen, wobei die USA - gefolgt von ihren Verbündeten - damit anfingen, diese roten Linien aktiv zu beseitigen und sie hinter sich zu lassen, ohne dass Russland imstande gewesen wäre, sie davon abzuhalten. Die Untergrabung der roten Linien zeigte sich darin, dass die Ukraine militärische Unterstützung erhielt, die quantitativ und qualitativ gesteigert wurde - von anfangs defensiven zu nunmehr offensiven Waffen. Und so sehen wir, dass die USA, nachdem sie die Ukraine früher nicht dazu ermutigten, Russland auf der Krim anzugreifen, sie heute darin bestärken.

3. Mit ihrer typischen strategischen Dummheit stürzten die Russen los, um ukrainisches Territorium zu besetzen. Und mit einem Gefühl der Überlegenheit gegenüber der Ukraine drangen sie tiefer in Richtung der Hauptstadt Kiew vor, scheiterte aber darin, sie einzunehmen, woraufhin sie sich nach Donbass zurückzogen. Doch hat sich durch diesen Rückzug eine große Schwäche in der russischen Armee offenbart. So konnte Russland weder die Stärke seiner Kampfflugzeuge demonstrieren und die Luftkontrolle über die Ukraine erlangen, noch war es in der Lage, seine vordringenden Truppen logistisch zu unterstützen. Moskau war – anders als von den russischen Nachrichtendiensten vorausgesagt – auch von der Dimension des ukrainischen Widerstandes überrascht. Und so ist eine gefährliche militärische Schwäche in der russischen Armee offensichtlich geworden, was in Washington große Hoffnungen auf eine russische Niederlage in der Ukraine weckte. Es hat sich gezeigt, dass das Gerede Putins von der Stärke Russlands, sich nicht mit der schwachen Darbietung der russischen Armee auf dem Feld deckte. Vor dem Hintergrund dieser am Boden sichtbar gewordenen Schwäche, wurden die zuvor geschlossenen ausländischen Botschaften in Kiew wieder geöffnet und begaben sich westliche Verantwortliche scharenweise in die ukrainische Hauptstadt.

4. Die USA begannen nun von den Zielen ihrer militärischen Unterstützung für die Ukraine zu reden, was in Moskau einen Donnerschlag auslöste. Die USA trugen nachrichtendienstliche Satelliteninformationen vom Feld zusammen, die der Ukraine zur Verfügung gestellt wurden und berieten sie militärisch, sodass sogar der US-Generalstabschef erklärte, siebenmal die Woche mit seinem ukrainischen Amtskollegen zu telefonieren. (Aljazeera, September 2022) Nach allen Maßstäben bedeutet dies, dass die USA den Ukraine-Krieg als ihren Krieg betrachten, ohne selbst am Kriegsgeschehen beteiligt zu sein. Und in der Tat verkünden die USA Woche für Woche, zusätzliche Militärhilfen in Milliardenhöhe für die Ukraine bereitzustellen. Mit anderen Worten, die USA sind entschlossen, Russland in der Ukraine in eine Niederlage zu führen und es von der Liste der Großmächte zu streichen. Und das hat Moskau nunmehr, nachdem es zu spät ist, begriffen!

5. Was darüber hinaus noch die strategische Schwäche Russland aufdeckte, war die Tatsache, dass es die Europäer während der sechs Kriegsmonate weiterhin mit Öl und Gas versorgte, obwohl Europa offen verkündete, auf dem besten Weg zu sein, auf russisches Öl und Gas zu verzichten. Das heißt, es ging keine Initiative von Russland aus, Gas- und Öllieferungen an Staaten stoppen, die Tag und Nacht ihre antirussische Feindschaft an den Tag legen. Und das ist ein Indiz dafür, dass die Geldnot Moskaus enorm hoch zu sein scheint, trotz der Prahlerei Russlands, die westlichen Sanktionen hätten keinerlei Auswirkung auf die Wirtschaft des Landes und der Rubel sei trotz Sanktionen stabil geblieben! Und auch wenn Russland die Gaslieferungen über die Nordstream 1-Pipeline Anfang September 2022, also noch vor der Explosion, vollständig gestoppt hat, so erfolgte der Schritt äußerst spät. Russland blieb bei seinen Aussagen, ein verlässlicher Gaslieferant zu sein. Das von einer Seite. Von anderer Seite gibt es weitere Pipelines, die noch betrieben werden und Europa mit Erdgas versorgen. Dazu gehören die „Yamal-Leitung“, die über Polen verläuft, die „Progress-Pipeline“ und „Sojus-Trasse“, die über die Ukraine führen und die „TurkStream-Pipeline“, die Erdgas über die Türkei transportiert. Ausnahmen bilden Zweige, die von Polen und der Ukraine, also nicht von russischer Seite, gekappt wurden. Russlands Geldnot hat also dazu geführt, dass es seine Würde auf internationaler Bühne verloren hat. Und das widerspricht Russlands Bemühungen vor dem Krieg, sein internationales Ansehen zu stärken!

6. Darüber hinaus wurde Russland von Chinas Haltung überrascht, wie sie zuletzt auf dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) in Samarkand zutage trat. Das Treffen fand Mitte September 2022 statt, d. h. kurz nach Russlands Niederlagen in Charkiw. Chinas Standpunkt wurde vom russischen Präsidenten selbst preisgegeben, als er sein Verständnis für Chinas „Ängste und Sorgen“ angesichts des Ukraine-Krieges zum Ausdruck brachte. In seinem ersten Treffen mit seinem chinesischen Amtskollegen seit Beginn des Ukraine-Krieges erklärte Putin, Russland wisse Chinas „ausgeglichene“ Position zur Ukraine-Krise zu schätzen. (Aljazeera.net, 15.09.2022) Somit wurde Russland klar, dass China, mit dem es noch kurz vor Beginn des Ukraine-Krieges ein Kooperationsabkommen „in höchstem Maße“ schloss, nun eine „ausgeglichene“ Position vertritt. Mit anderen Worten, China ist weder auf Seiten Russlands noch auf Seiten der Ukraine und des Westens. In der Tat vermied es China in den gemeinsamen Erklärungen mit Russland und in den Statements des chinesischen Präsidenten auf dem Shanghai-Gipfel, den Namen der „Ukraine“ auch nur zu erwähnen, sondern deutete ihn bloß an. Für einen vernunftbegabten Menschen besteht nämlich nicht der geringste Zweifel, dass die USA den Chinesen klargemacht haben, wie gefährlich es wäre, Russland im Ukrainekrieg in irgendeiner Form zu unterstützen. Eine Drohung, der sich China unbestreitbar fügt, weil es um seinen internationalen Handel fürchtet. Daher hat Peking Russland auch nicht gegen die Resolution des Sicherheitsrates unterstützt, der die Annexion der vier Regionen in der Ukraine verurteilte. France 24 berichtete am 01.10.2022 Folgendes: Russland machte am Freitag vom Vetorecht Gebrauch, um die Annahme eines Resolutionsentwurfs des UN-Sicherheitsrates zur Verurteilung der Annexionen der vier ukrainischen Regionen zu verhindern. Dem von den USA und Albanien vorgelegten Resolutionsentwurf stimmten zehn Mitgliedsstaaten zu, während sich vier Staaten enthielten. Es waren China, Indien, Brasilien und Gabun.

7. In Anbetracht all der geschilderten Ereignisse, legt der misslungene Angriff auf die Ukraine, die sich einer Kapitulation unter Russlands Bedingungen nicht beugen wollte, die gefährliche militärische Schwäche Russlands offen. Der Überfall auf die Ukraine zeigte ebenfalls die umfangreiche und qualitativ hochwertige militärische Unterstützung auf, die das Land von Europa und den USA erhält, wovon sich Einiges öffentlich abspielt und Anderes im Verborgenen abläuft. Und weil der Kreml diese neuen Fakten sieht, die er so vor dem Krieg nicht erwartet hätte, erinnerte Lawrow am 12.09.2022 daran, dass Russland Verhandlungen mit der Ukraine nicht ablehne. (Aljazeera, 12.09.2022) Doch ihm müsste inzwischen bewusst geworden sein, dass die russischen Kapitulationsbedingungen, die der Ukraine in den ersten Kriegstagen auf den Tisch gelegt wurden, sich nun in Rauch aufgelöst haben. Eine Hoffnung auf russischer Seite, dass diese wieder auf den Tisch kommen, gibt es nicht, außer durch den Einsatz nuklearer Waffen, was wohl eine der letzten Karten in der Hand Moskaus wäre. Doch dem Kreml ist auch sehr wohl bewusst, dass der Gebrauch nuklearer Waffen, die Amerikaner auf die ein oder andere Weise mit in den Krieg hineinziehen würde. Dabei ist Russland nicht mal in der Lage, den Krieg gegen die von den Amerikanern unterstützte ukrainische Armee zu gewinnen. Wie sollte es ihm erst dann gelingen, wenn sich die US-Armee direkt am Krieg beteiligen würde. Daher befindet sich Russland nach dem ukrainischen Angriff in einer prekären Situation.

8. Russland sind all diese Gefahren bewusst geworden. Doch Putin äußerte seine Weigerung, die Niederlage zu akzeptieren: Der russische Präsident Wladimir Putin kündigte die Teilmobilmachung der Armee an und verwies darauf, dass sein Land nuklearen Bedrohungen ausgesetzt sei. (Aljazeera.net, 21.09.2022) Auch Vertreter der vom Kreml unterstützten Regionen Lugansk, Donezk, Cherson und Saporischschja teilten ihre Entschlossenheit mit, in der Zeit vom 23. bis zum 27. September Referenden zur Angliederung an Russland abzuhalten. (Nachrichtenagentur Anadolu, 21.09.2022) In der Tat kam es zu den Abstimmungen und zur Annexion. Aljazeera.net berichtete am 30.09.2022: Der russische Präsident Putin kündigte an, dass die ukrainischen Oblaste Lugansk, Donezk, Saporischschja und Cherson nun russisches Staatsgebiet seien. Des Weiteren verurteilte er in einer langen Rede, dass der Westen die Weltordnung kontrolliere. Unterdessen bekräftigte der ukrainische Präsident Selenskyj, auf die russische Aktion mit einem „entscheidenden Schritt“ zu antworten. Die ukrainische Armee setzte daher in den vier Regionen ihre militärischen Aktionen fort. Auf der Seite von France 24 war am 01.10.2022 zu lesen: Ein Sprecher der ukrainischen Armee gab den Einmarsch seiner Soldaten in die östliche Stadt Lyman bekannt, nachdem die russischen Truppen rund um einen für Moskau enorm wichtigen Knotenpunkt belagert wurden. Derweil wurde von Moskau der Rückzug Tausender unter anhaltenden Kämpfen aus der Stadt bestätigt. Das erfolgte, während Moskau die Eskalation politisch weitertrieb, indem Wladimir Putin am Freitag die Annexion von vier ukrainischen Gebieten vertraglich besiegelte. Auf Twitter schrieb das ukrainische Verteidigungsministerium: „Die ukrainischen Luftstreitkräfte dringen in Lyman im Oblast Donezk vor.“ Kurz davor erklärte das ukrainische Militär, dass es Tausende russische Soldaten in dieser Stadt eingekesselt habe, die sich in der Region Donezk befindet und am Freitag von Russland annektiert wurde.

9. Betrachtet man nach allem, was geschehen ist, die Haltung Russlands eingehender, wird Folgendes deutlich:

a) Wie es historisch ihrer Mentalität entspricht, richtet sich der Fokus der Russen auf territoriale Gewinne, die sie um jeden Preis halten wollen. Daher lässt Moskau in den von Russland ganz oder in Teilen kontrollierten Gebieten Referenden abhalten, um sie Russland anzugliedern und Fakten zu schaffen. Russland will damit zu verstehen geben, dass die neuen Gebiete (Lugansk, Donezk, Saporischschja und Cherson) nunmehr russisches Territorium sind und jeder Angriff dort einem Angriff auf Russland gleichkäme. Und das könnte eine Verteidigung mit dem Einsatz nuklearer Waffen erforderlich machen, so jedenfalls die militärische „Nukleardoktrin“ Russlands. Mit anderen Worten, Russland möchte Europa und die USA mit den Risiken einer Unterstützung der ukrainischen Armee in Angst versetzen und auch die ukrainische Armee selbst abschrecken. Und das alles sind Indizien, die auf die Schwäche der russischen Armee hinweisen. Denn nachdem die Russen außerstande waren, einen Sieg in der Ukraine einzufahren, winken sie mit dem Gebrauch nuklearer Waffen, obwohl das Verbot ihres Einsatz in Kriegen internationalem Konsens entspricht.

b) Die Ankündigung einer Teilmobilmachung von 300.000 Reservisten, wobei eine weitaus höhere Zahl eingezogen werden könnte, impliziert indirekt die Schwäche des russischen Militärs und dessen mangelnde Fähigkeit, Russlands Ziele in der Ukraine zu realisieren. Auch scheint es schwere Verluste innerhalb der Armee zu geben, was die Einberufung von Reservisten erforderlich machte. Dennoch prahlt Russland weiterhin damit, eine „militärische Spezialoperation“ zu führen und keinen Krieg.

10. Es sieht ganz danach aus, als hätte der Ukraine-Krieg eine äußerst gefährliche Eskalationsstufe erreicht. Sollte sich Moskau seine Selbstachtung zurückholen wollen, wird es die Ukraine in nächster Zeit in Schutt und Asche legen. Vorausgesetzt, es hat überhaupt noch die Kapazitäten und den Willen dazu. Denn viele Anzeichen sprechen dafür, dass die Kapazitäten nachlassen und der Wille abschwächt. Russland hat zu spät erkannt, dass es auf dem ukrainischem Kriegsfeld, in der ein oder anderen Form, Europa und den USA gegenübersteht, auch wenn die Europäer noch einen kleinen Türspalt für Russland geöffnet halten. Dies im Gegensatz zu den USA, die Russland die kalte Schulter zeigen. Doch Europas Pläne, bis zum Jahresende auf russisches Öl und dann auf Gas zu verzichten, lässt die europäischen Staaten aggressiver gegenüber Russland auftreten. Das wird aus der zunehmenden Schärfe in der Antirussland-Rhetorik der Deutschen deutlich ebenso wie durch die deutsche Aufrüstung. Russland wollte mit den Referenden zur Annexion ukrainischer Gebiete die russischen Gewinne zu einer vollendeten Tatsache machen, mit der sich alle abfinden sollen. Doch äußert es sich weiterhin kryptisch darüber, ob es zur Verteidigung jener Gebiete nukleare Waffen einsetzen würde. Der Westen seinerseits hat die Referenden nicht akzeptiert und angekündigt, die Ukraine militärisch weiter zu unterstützen, sie sogar mit noch moderneren Verteidigungssystemen auszustatten. Somit hat sich die Zwickmühle, in der sich Russland befindet, weiter verkompliziert.

11. Was die Mobilmachung und die Einberufung ungeschulter Reservisten anlangt, so bringt das der russischen Armee Militärexperten zufolge nicht wirklich viel. Das Problem der Schwäche der russischen Armee sitzt sehr viel tiefer, als dass es mit einer Erhöhung der Anzahl von Soldaten getan wäre. Denn es handelt sich um ein Führungsproblem und um das Problem, dass Kriegsmaterial in Russland heute nicht verfügbar ist. Und auch wenn Russland den Betrieb seiner Rüstungsfabriken und dualer Produktionsstätten für das Militär auf das Maximum hochgefahren hat, als ob es sich in einem Weltkrieg befände, so wird das nicht kriegsentscheidend sein. Denn auch die USA und die Staaten Europas versorgen die Ukraine mit dem, was die ukrainische Armee benötigt.

Sollte die russische Armee weiter schwere Verluste erleiden, wird der Kreml unter starkem innenpolitischem Druck geraten, um den Krieg zu beenden. Dieser Druck wird durch die Explosionen an den russischen Nordstream-Pipelines in der Ostsee noch weiter verstärkt und Europas Hoffnungen auf billiges russisches Erdgas ganz zerschlagen. Und all das führt dazu, dass Russland einer größeren europäischen Feindseligkeit ausgesetzt sein wird, indem nämlich die ukrainische Armee noch stärker unterstützt wird und die europäischen Stimmen, die eine Versöhnung mit Russland für den Erhalt von Billiggas fordern, geschwächt werden. Hinzu kommt, dass China in seiner Haltung zurückgerudert ist und somit in Russland das Gefühl wächst, in der Konfrontation mit den USA und dem Westen alleine dazustehen. Das heißt, dass sich China von Russland weitgehend losgesagt hat. Und das alles führt zu breiter interner Kritik an der Kreml-Führung, dass sie falsch kalkuliert hätte. D. h., man würde sie für die neue missliche Lage Russlands verantwortlich machen.

12. Was die nuklearen Drohungen von Seiten Moskaus angeht, so fehlt es Russland zunächst an wirklichem Willen. Denn von westlichen Nachrichtendiensten wurden keinerlei neue nukleare Bewegungen auf russischer Seite bemerkt. Damit verfestigt sich mehr und mehr die Überzeugung des Westens, dass Putins Drohungen eher der Einschüchterung dienen als dem tatsächlichen Einsatz nuklearer Waffen. Doch weder die USA noch Europa zeigen sich von Russlands Atomwaffen beeindruckt, auch wenn sie behaupten, die Bedrohung ernst zu nehmen, zumal ja überwiegend ukrainisches Gebiet betroffen wäre und nicht der Westen selbst. Und obwohl die USA angekündigt haben, auf den Einsatz jeglicher nuklearer Waffen seitens der Russen auf die Ukraine zu antworten, wenn auch nur mit konventionellen Waffen, um einen russisch-amerikanischen Atomkrieg zu verhindern, so könnte all das der letzten Waffe, die Russland noch in der Hand hat, den Abschreckungsfaktor rauben. Auch könnte es dadurch - im Zuge eines Nachkriegsarrangements - für diese Waffen in russischer Hand zu schwerem Ungemach kommen.

13. Was die oben gestellte Frage bezüglich einer Aufhebung der Annexion betrifft, so würde dies Russland von der politischen Weltbühne löschen und das Ende des russischen Einflusses auf die Weltpolitik bedeuten. Und das wäre für die russische Führung sehr schwer zu akzeptieren. Es ist daher eher zu erwarten, dass Russland es bei den vier Regionen belässt, das heißt bei den Grenzen der Regionen, über deren Annexion abgestimmt wurde. Möglicherweise wird Russland noch versuchen, die in Charkiw verlorenen Gebiete zurückzuerobern, sodass sich Präsident Putin als „starker Mann“ vor seinem Volk inszenieren kann, zumal er nach der Aneignung der Krimhalbinsel 2014 neue territoriale Gewinne für Russland vorweisen konnte. Sollte das realisiert werden, so wäre es ein mickriges Ziel für einen Staat, der sich als Großmacht inszenierte und damit drohte, sich innerhalb kurzer Zeit die gesamte Ukraine einverleiben zu wollen. Auf der Gegenseite wiederum wird die Ukraine von den USA und den übrigen westlichen Staaten bestärkt und die ukrainische Armee dahingehend unterstützt, die von Russland besetzten Gebiete zu befreien. Eingekeilt zwischen der zunehmenden militärischen Unterstützung des Westens für die Ukraine und der Mobilmachung von Reservisten in Russland wird die Ukraine mit großer Wahrscheinlichkeit lange Zeit Schauplatz heftiger Kampfhandlungen werden. Und da die russische Gewissheit, den Krieg zu gewinnen, immer schwächer wird, es sei denn, es kommen Nuklearwaffen zum Einsatz, bleibt die Auseinandersetzung in der Ukraine international wachsenden Gefahren ausgesetzt. Und während der russische Außenminister daran erinnert, dass Moskau Verhandlungen nicht ablehnt, zeigen sich die USA und mit ihnen insbesondere Großbritannien umso entschlossener, die Ukraine zu dem Schauplatz zu machen, auf dem der Name Russlands von der Liste der Großmächte ausradiert wird. Innerhalb dieses Ringes um die Durchsetzung des eigenen Willens, bleibt die Ukraine eine Arena voller Überraschungen, die potenziell die Dinge auf den Kopf stellen können.

14. Und schließlich sei gesagt: Die Großmächte der Welt fechten untereinander Rivalitätskämpfe aus, um ihre widerwärtigen Ambitionen zu verwirklichen, ohne sich im Geringsten um menschliche oder ethische Werte zu scheren. Ungerechtigkeit kehrt sich bei ihnen in Gerechtigkeit um, wenn sie so ihren Willen bekommen, selbst wenn es Anderen Schaden bringt, ja selbst wenn es gänzlich schlecht wäre. Diese Staaten haben auf Erden viel Unheil gestiftet. Die Welt wird erst dann Heilung erfahren, wenn diese Staaten verschwinden und das Kalifat nach dem Plan der Prophetenschaft wiederkehrt. Und dies wird durch den Einsatz der Tätigen und den Beistand des Herrn der Welten geschehen.

(وَيَوْمَئِذٍ يَفْرَحُ الْمُؤْمِنُونَ * بِنَصْرِ اللَّهِ يَنْصُرُ مَنْ يَشَاءُ وَهُوَ الْعَزِيزُ الرَّحِيمُ)

An jenem Tag werden die Gläubigen sich freuen, über den Sieg Allahs. Er verleiht den Sieg, wem Er will. Er ist der Starke, der Barmherzige. (30:4-5)

6. Rabīʿ al-Auwal 1444 n. H.
2.10.2022 n. Chr.
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