Montag, 11 Safar 1442 | 28/09/2020
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بسم الله الرحمن الرحيم

Im Namen Allahs des Erbarmungsvollen des Barmherzigen

Antwort auf eine Frage

Der indisch-chinesische Grenzkonflikt

Frage:

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am 10.06.2020: Indischen Angaben zufolge stehen sich seit April in der entlegenen Schneeregion Ladakhs hunderte Soldaten gegenüber, wo es zur gefährlichsten Eskalation seit Jahren an der Grenze zwischen den beiden Seiten gekommen sei, nachdem chinesische Patrouillen die indisch beanspruchte Seite der tatsächlichen Kontrolllinie betreten hätten. Die Volksrepublik betrachtet die Region als ihr Territorium und ist dem Bau von Straßen durch Indien entgegengetreten. In der Grenzregion zwischen Indien und China kommt es seit der ersten Maiwoche zu Scharmützeln zwischen den Grenztruppen beider Länder. Sind es lokale Motive, die zu den Zwischenfällen führen oder stecken die USA dahinter, um China zu schikanieren und unter Druck zu setzen? Welche Folgen hat dieser Konflikt für die Muslime im besetzten Kaschmir und in Pakistan?

Antwort:

Die Grenzgefechte, die am 5. Mai im Galwan-Tal in der Hochgebirgsregion Ladakh in Nordindien und drei Tage später am Nathula-Gebirgspass (der im Himalaya den indischen Bundesstaat Sikkim mit der Tibetregion verbindet) ausbrachen, haben zu einer militärischen und diplomatischen Sackgasse zwischen beiden Ländern geführt. Die Geschichte der Spannungen im bilateralen Verhältnis der beiden Staaten, die sich immer wieder in Form von Grenzstreitigkeiten äußern, reicht weit zurück. Die Grenzen, um die es geht, wurden 1890 von den Briten und Chinesen in der sogenannten Sikkim-Tibet-Konvention festgelegt. Damals haben die Briten den indischen Subkontinent noch direkt als Hegemonial- und Kolonialmacht beherrscht. Mit Verlassen des muslimischen Subkontinents teilten sie ihn in die Staaten Indien und Pakistan auf und ließen Kaschmir als Pulverfass zwischen den beiden Ländern zurück. Ähnliches taten sie mit Indien und China und hinterließen entlang der Grenzen zahlreiche Konfliktherde. Zur Erläuterung der jüngsten Zwischenfälle, wollen wir Folgendes anführen:

Erstens: Die Scharmützel, die sich China und Indien zuletzt geliefert hatten, waren nicht die ersten Auseinandersetzungen dieser Art. Allein im letzten Jahrzehnt standen beide Armeen in den Jahren 2013, 2014 und 2017 am Rande eines Krieges. 1962 war es bereits zu einem erbitterten Grenzkrieg zwischen Indien und der Volksrepublik China gekommen, den Indien verlor, während China die im nördlichen Kaschmir gelegene Hochlandregion Aksai Chin besetzte. Der Konflikt zwischen Indien und China um die Ostgrenzen ist eine Folge des britischen Kolonialismus ebenso wie der Annexion der Region Arunachal Pradesh durch Indien und einer fehlenden Grenzziehung zu China während der Zeit Britisch-Indiens. Was die Auseinandersetzung um die Westgrenze anbelangt, so haben beide Staaten - China und Indien – stets nach den islamischen Territorien Kaschmirs getrachtet, besonders aber seit 1947. Wegen der permanenten Differenzen um Grenzverläufe verbreiten beide Seiten diesbezüglich völlig unterschiedliche Angaben, selbst bezüglich der ca. 4000 Kilometer langen gemeinsamen Grenze. Bei den Vorfällen vom vergangenen Mai gerieten Streitkräfte aneinander, die an den Ufern des Pangong-Tso stationiert waren, einem in 14 Tausend Fuß Höhe gelegenen Salzsees im Hochland von Tibet. Dabei sollen Dutzende Soldaten auf beiden Seiten verletzt worden sein. Seitdem wurden die Truppen kontinuierlich verstärkt. China entsandte etwa 5000 Soldaten sowie Panzerfahrzeuge in das umkämpfte Grenzgebiet der Region Ladakh. Die Zeitung Business Standard meldete, mehr als 5000 chinesische Soldaten der Volksbefreiungsarmee hätten die fünf Grenztreffpunkte eingenommen, vier davon entlang des Galwan-Flusses und einer nahe des Pangong-Sees. (www.defense-arabic, 24.05.2020)

Zweitens: Die Spannungen zwischen den beiden Staaten nahmen zu, nachdem Indien die Region Ladakh vom Bundesstaat Jammu und Kaschmir abgetrennt und zu einem Unionsterritorium umgewandelt hat. China fasste das als strategisches Manöver auf, um den Konfrontationskurs, den die Bharatiya Janata Party (BJP) seit Narendra Modis Regierungsübernahme im Jahr 2014 gegen China fährt, aufrechtzuerhalten. Die Sprecherin des chinesischen Außenministeriums erklärte als Reaktion auf die Ankündigung Amit Shahs vom 5. August, Ladakh abzutrennen: „Die von Indien vorgenommene unilaterale Modifizierung des internen Gesetzes schadet China und verletzt die regionale Souveränität. Und das ist inakzeptabel.“ Bei den wiederholt aufflammenden Grenzstreitigkeiten geht es zumeist um zwei Hauptschwerpunkte. Der eine Schwerpunkt ist die Ostgrenze. Die Volksrepublik beansprucht das Gebiet Arunachal Pradesh, das von ihr als Süd-Tibet bezeichnet wird und eine Fläche von fast 90.000 Quadratkilometer umfasst. Indien lehnt das ab. Bei dem zweiten Schwerpunkt geht es darum, dass Indien Territorien zurückfordert, die China nach dem Grenzkrieg von 1962 an der Westgrenze besetzte, d. h. ein Territorium, das sich im islamischen Kaschmir befindet, nämlich Aksai Chin, das eine Fläche von 38.000 Quadratkilometer umfasst. Es handelt sich um ein sehr dünn besiedeltes, wüstenartiges Gebiet. Das lehnt China wiederum ab und verlangt sogar noch mehr Souveränität in der Region Kaschmir. Die chinesischen Forderungen an der Westgrenze konzentrieren sich heute daher auf einen an Aksai Chinangrenzenden Teil Ladakhs, also einem Teil Kaschmirs. Das Gebiet, um das es geht, gehörte einst zur alten Handelsroute Chinas, der „Seidenstraße“.

Drittens: Die Region Ladakh, die Schauplatz der jüngsten indisch-chinesischen Auseinandersetzungen war, ist islamisches Gebiet und ein untrennbarer Teil Kaschmirs, das über Jahrhunderte vom Islam regiert wurde. Ladakh war bis vor kurzem noch ein Teil des indischen Bundesstaates Jammu und Kaschmir, bis es am 31.10.2019 per Gesetz (!) davon abgetrennt wurde. Obwohl es sich um eine bevölkerungsarme Region handelt, hat sie einen hohen strategischen Wert. Es ist das höchstliegende Plateau Indiens und umfasst das obere Tal des Indus. Die Region liegt zwischen der chinesischen Linie der tatsächlichen Kontrolle (LAC, „Line of Actual Control“) im Osten, der pakistanischen Kontrolllinie im Westen (LoC, „Line of Control“) und dem Karakorum-Passim Norden. Die letzte indische Siedlung vor dem Karakorum-Pass ist der Ort Daulat Beg Oldi, was im Türkischen „Der Ort, an dem der große, reiche Mann starb“ bedeutet. Gemeint ist Sultan Said Khan, der einstige Herrscher Yarkants, der 938 n. H. (Herbst 1531 n. Chr.) in das Gebiet vorstieß um Ladakh und Kaschmir für den Islam zu eröffnen. Auf seiner Rückreise nach Yarkant Ende 938 n. H (1531 n. Chr.) soll er schwer krank geworden und an besagtem Ort gestorben sein. Es ist also ein islamisches Gebiet, wird jedoch heute ebenso wie andere Gebiete Kaschmirs von Indien beherrscht. Kaschmir ist eine Region mit vielen Wunden. So wie Indien Jammu, das Kaschmir-Tal und Ladakh kontrolliert, kontrolliert China die Region Aksai Chin und den Trans-Karakoram Trakt, alles islamische Gebiete in der Region Kaschmir, während Pakistan lediglich die Gebiete Azad Kaschmir und Gilgit-Baltistan beherrscht. Sie machen insgesamt nicht einmal ein Drittel der gesamten Region aus. Azad-Kaschmir grenzt an indisch besetzte Territorien an, während Gilgit-Baltistan an eine Region grenzt, die teils indisch und teils chinesisch kontrolliert ist. Und weil die muslimischen Länder, insbesondere Pakistan, heute schwach sind, nimmt sich Indien das Recht heraus, die umstrittenen Gebiete in Ladakh als Teil der Region Jammu und Kaschmir zu beanspruchen. Dem kontert China mit der Behauptung eigener Ansprüchen auf diese Territorien, da sie Teil der Region Xinjiang, also Ostturkestans, seien. Beide Staaten streiten sich also um Rechte auf islamische Territorien, während sich Pakistan den USA als Vasall anbiedertund der Rest der Muslime schweigt!!

Viertens: China hat die indisch kontrollierte Region Ladakh besonders im Visier. Denn abgesehen von der Tatsache, dass das Gebiet auch von Buddhisten bewohnt ist, verlaufen dort zwei alte Handelswege, die bis nach Zentralasien führen. Diesem Umstand kommt für das chinesische Projekt „Neue Seidenstraße“ eine immense Bedeutung zu. Zwar stehen Peking auch andere Wege nach Zentralasien zur Verfügung, doch über Ladakh ist die Route zu den demographisch bedeutenden Zentren und zu den bedeutenden Märkten Zentralasiens kürzer. Diese Überlegungen werden noch dadurch verstärkt, dass diese alten Handelswege die Transportzeit für chinesische Güter aus den Industriezentren im Osten Chinas über den Norden Pakistans zum Hafen von Gwader erheblich verkürzen. Da dieses Projekt diesen wichtigen Wirtschaftskorridor umfasst, hat Peking in den vergangenen Jahren dort viele Milliarden Dollar investiert. Der Konflikt ist daher nicht ohne diese Dimension chinesischer Überlegungen zu betrachten. Würde China den anderen Grenzstreit zwischen sich und Indien an der Ostgrenze rund um den Bundesstaat Arunachal Pradesh eröffnen, hätte dies hinsichtlich der „Wirtschaftskorridore“, welche die Volksrepublik im Rahmen der „Neuen Seidenstraße“ errichten will, keinen Nutzen. Denn durch diese Korridore kann China auch den Durchgang durch die von der US-Marine kontrollierten Gebiete, insbesondere die Straße von Malakka, vermeiden.

Was den chinesischen Verdacht untermauert, dass sich Indien an der amerikanischen Politik zur Eindämmung des Aufstiegs Chinas beteiligt, ist Folgendes:

1. Die USA haben mit der Coronakrise einen neuen Vorwand gefunden, um mit verschiedenen Argumenten China zu attackieren. Washington hat oft davon gesprochen, dass Peking die Schuld für die Ausbreitung des Virus trage und zur Verantwortung gezogen werden müsse. Auch andere Staaten haben sich mitziehen lassen, darunter Indien, und Untersuchungen gefordert, besonders im „Wuhan Institute for Virology“. Zum anderen haben die Lieferengpässe einiger Waren aus China, das zuerst vom Virus getroffen wurde, dazu geführt, dass die Produktion in vielen europäischen und internationalen Industriekonzernen gelitten hat. Das hat zu Forderungen geführt, sich von den Transportketten, die über China laufen, zu lösen. Diese Tendenz neben der Bemühung Trumps, in China ansässige US-Unternehmen nach Amerika zurückzuholen oder - besser gesagt - aus China herauszubringen, lässt Peking heute mehr denn je spüren, dass seine Wirtschaft tatsächlich unter Druck geraten und bedroht ist.

2. Was ebenfalls auf die Einbindung Neu Delhis in die amerikanische Politik hinweist, sind die indischen Bemühungen, China in seiner Wirtschaft zu schwächen. General Vinod Bhatia, der frühere Generaldirektor für Militäreinsätze in Indien, sagte gegenüber der Nachrichtenagentur Anadolu, „dass China weltweit seine Schlagkraft verliert, weil es glaubt, die Ursache für die Corona-Epidemie zu sein.“ Er fügte hinzu: „Die Industrieunternehmen wollen China verlassen. Das zwingt Peking, zu versuchen, die Aufmerksamkeit von der Coronakrise wegzulenken.“ Er betonte, die Welt nach Corona werde „eine großartige Gelegenheit für Indien“ bieten. (Anadolu, 09.06.2020) Es scheint, dass mit dieser „Gelegenheit“, der Wechsel ausländischer, vor allem amerikanischer Unternehmen von China nach Indien gemeint ist. China ist nicht entgangen, dass die USA hinter der Weiterentwicklung indischer Fähigkeiten stecken, die den indischen Staat zu einer Konfrontation mit China befähigen sollen. Die USA haben das indische Nuklearprogramm so weit unterstützt, dass Indien zu einer Atommacht aufsteigen konnte. Bei den Wirtschafts- und Handelsbeziehungen wurde dem indischen Staat Priorität und eine bevorzugte Stellung eingeräumt. Die USA haben zudem Pakistan dazu genötigt, die Spannungen mit Indien abzubauen, wodurch Indien größere Militäreinheiten, die jahrzehntelang an der pakistanischen Grenze stationiert waren, abzuziehen und sie an die Grenze zu China zu verlegen. Diese Politik der USA gegenüber Indien ist nicht neu, sondern wird seit vielen Jahren in dieser Form praktiziert. Sie wird heute dadurch ergänzt, dass die USA Indien an ihrem Vorhaben teilhaben lassen, ausländische Großkonzerne dazu zu bringen, China den Rücken zu kehren und Indien als Alternative heranzuziehen. Mit anderen Worten, die USA lassen Indien daran teilhaben, Chinas Wirtschaft zu attackieren.

3. Wichtig zu erwähnen ist, dass die Volksrepublik in der Lage war, sich militärisch enorm weiterzuentwickeln und weltweit, was die Ausgaben für das Militär betrifft, bis an die zweite Stelle hinter den USA vorzurücken. 2019 beliefen sich diese auf 261 Milliarden Dollar, mehr als die Staaten Russland, Großbritannien und Frankreich zusammen. Und obwohl Indien 2019 den dritten Platz nach China mit einem Militärbudget von erstmals über 72 Milliarden Dollar belegte, sind die militärischen Kapazitäten verglichen mit denen der chinesischen Volksarmee weiterhin gering. Diese Realität lässt Indien, anders als im Jahr 1962, davor zurückschrecken, sich auf große Schlachten mit China einzulassen, trotz der Überlegenheit Indiens im Bereich konventioneller Waffen in Ladakh, wo es zu den jüngsten Auseinandersetzungen kam. Zudem sind viele Einheiten der indischen Armee entlang der Grenze zu Pakistan stationiert, also unfern des umstrittenen Gebietes. China hingegen hat seine Armee bis heute nicht in der Region stationiert. Dieser Umstand hinsichtlich der konventionellen militärischen Kapazitäten beider Länder in der Konfliktregion, wird durch eine Studie der amerikanischen Harvard-Universität belegt. (Arabic Post, 31.05.2020) Doch nach den gewaltsamen Zusammenstößen war zu beobachten, dass China begann, zusätzliche Streitkräfte in der Region zusammenzuziehen und sich an der Westgrenze gegen Indien stärker aufzustellen.

4. Der 2017 mit Indien aufgeflammte Konflikt an der östlichen Grenze wurde 2018 durch ein Treffen zwischen Premierminister Modi und dem chinesischen Staatschef Xi Jinping entschärft. Die beiden Staats- und Regierungschefs kamen im April 1918 zu einem informellen Gipfel in Wuhan zusammen. Bei diesem Treffen nahm Xi Modis Einladung zu einem Besuch Indiens zwecks eines zweiten Treffens an. (Euronews, 09.12.2019) Der derzeitige Konflikt jedoch spielt sich zeitgleich mit extrem verstärkten amerikanischen Bemühungen ab, China zu schaden. Und das verkompliziert die Lage und erschwert eine Deeskalation des Konflikts. Diese neuen Komplikationen, die von der Trump-Administration in der Umgebung Chinas kreiiert werden, hat Peking durchaus verstanden. Chinas Staatschef Xi Jinping erklärte am heutigen Dienstag, Peking werde seine Vorbereitungen für den bewaffneten Kampf intensivieren und seine Kapazitäten zur Durchführung militärischer Missionen verbessern. Das werde infolge der Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die nationale Sicherheit geschehen. (Sputnik, 26.05.2020) Zwar ist mit dieser chinesischen Aussage nicht explizit Indien gemeint. Doch die Chinesen spüren, dass um sie herum große Gefahren lauern, nachdem ihnen die Absichten der Amerikaner, China die Verantwortung für die Ausbreitung des Virus zuzuschieben, bewusst wurden. Daher ist es gut möglich, dass China daran denkt und plant, die Muskeln spielen zu lassen, um jedem militärischen Vorhaben der Amerikaner unter Mitbeteiligung ihrer Verbündeten in der Region, darunter Indien, entgegenzuwirken. Es wirkt ganz so, als würde China an seine benachbarten Feinde die Botschaft aussenden, nicht mit den USA zu paktieren, andernfalls wäre die chinesische Armee imstande, ihnen immensen Schaden zuzufügen. Womöglich offenbart der Geheimdienstbericht des chinesischen Ministeriums für Staatssicherheit von Anfang April 2020, der Peking dazu auffordert, sich auf eine militärische Konfrontation vorzubereiten, welch ernste Gefahr in den antichinesischen US-Plänen steckt. Und vielleicht stellen auch die sprunghaft angestiegenen indischen Militärausgaben, die 2019 erstmals ein Volumen von 72 Milliarden Dollar erreichten und die gewaltigen Waffendeals, die vom indischen Militär getätigt werden, eine direkte Drohung in Richtung China dar. All das lässt bei den Chinesen wohl die Überzeugung entstehen, dass Indien die Speerspitze der USA gegen sie bildet. Auch bereiten die Infrastrukturprojekte Indiens in den umstrittenen Grenzregionen in Kombination mit seiner verstärkten militärischen Aufrüstung den Chinesen zunehmend Sorgen im Hinblick auf ihre zukünftigen Beziehungen zu Indien.

Fünftens: Mit ihrer Haltung zu der jüngsten indisch-chinesischen Auseinandersetzung haben sich die USA zweifellos auf der Seite Indiens positioniert. So hat Alice Wells, die stellvertretende Staatssekretärin für süd- und zentralasiatische Angelegenheiten im US-Außenministerium, das Vorgehen Chinas in Ladakh kritisiert und eine Verbindung zu den Provokationen Pekings im Südchinesischen Meer gezogen. (NEWS 18, 21.05.2020) Und auch der Abgeordnete Eliot L. Engel, Vorsitzender des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten im Repräsentantenhaus, hat in einem Statement betont: „Ich bin äußerst besorgt angesichts der anhaltenden chinesischen Aggressionen entlang der Linie der tatsächlichen Kontrolle an der indisch-chinesischen Grenze. China zeigt erneut, dass es bereit ist, seine Nachbarn zu schikanieren anstatt Konflikte nach internationalem Recht zu lösen. (…) Ich fordere China nachdrücklich auf, Normen zu respektieren und Diplomatie und bestehende Mechanismen zu nutzen, um seine Grenzfragen mit Indien zu lösen.“ (Foreign Affairs, 01.06.2020) Darüber hinaus versuchen die USA, diese Grenzkonflikte zu instrumentalisieren und sie als Trumpfkarte in der Konfrontation mit China einzusetzen, um Druck auf das Land auszuüben. Damit soll das hegemoniale Vordringen Chinas in der Region eingedämmt und das Land mit Grenz-Scharmützeln beschäftigt werden. Zudem will man China in Sachen Handelskrieg erpressen ebenso wie durch Einmischung in innere Angelegenheiten. Daher bot Donald Trump nach der letzten Auseinandersetzung seine Dienste als Vermittler zwischen den beiden Konfliktparteien an, womit er die Lösung zu seinem Vorteil lenken wollte. Am 27.05.2020 schrieb er auf Twitter: „Wir haben sowohl Indien als auch China darüber informiert, dass die Vereinigten Staaten bereit und fähig sind, zu vermitteln oder die Rolle des Schiedsrichters bei den derzeit tobenden Grenzstreitigkeiten zu übernehmen. (Al-Hurra, 27.05.2020) China lehnte das ab. Wie der Sprecher des chinesischen Außenministeriums Lijian Zhao erklärte, lehnten beide Länder eine „Einmischung“ Dritter zur Beilegung der Differenzen ab. (Anadolu, 09.06.2020)

Sechstens: Trotzdem haben sich die USA nicht zurückgezogen, sondern vielmehr ihre Aktivitäten in der Region, die für sie zu den wichtigsten weltweit gehört, weiterbetrieben. Die Konfrontation mit China forcierten sie weiter mit dem Ziel der Eindämmung, der Vereinnahmung und des Versuchs, dem Land direkt oder indirekt im Südchinesischen Meer die Stirn zu bieten. Doch die USA sind nicht mehr in der Lage, an allen Fronten Krieg zu führen und ihren Einfluss, der sich über weite Teile der Welt erstreckt, aufrechtzuerhalten, ohne sich auf regionale und lokale Mächte zu stützen. Diese müssen gewonnen werden, damit sie im Sinne Amerikas agieren. Allerdings kam dann die Coronakrise, die die USA als einen Staat vorgeführt hat, der unfähig ist, Krisen zu managen. Mehr noch: Es stellte sich heraus, dass die USA einem kleinen Virus gegenüber schwach und hilflos gegenüberstehen! Die Lage spitzte sich noch weiter zu, als das latente Rassismusproblem in Amerika explodiert ist, nachdem ein schwarzer US-Amerikaner von einem weißen US-Polizisten zu Tode gewürgt wurde und die USA damit vor aller Welt entblößt waren - in einer Zeit, in der China zu einer regionalen Großmacht geworden ist. Aus diesem Grund haben die Amerikaner begonnen, sich stärker als früher anderer Staaten zu bedienen, um die eigenen Interessen voranzutreiben und ihre Hegemonie zu wahren. Daher waren die USA darauf bedacht, dass ihre Vasallen in Indien an die Macht gelangen, um sicherzustellen, dass sie in Indien einen Erfüllungsgehilfen haben, die politischen Resultate immer im Sinne Amerikas ausfallen und die Vasallen auf US-Linie bleiben. Die Amerikaner haben all ihre Kräfte mobilisiert, um die US-treue Bharatiya Janata Party an die Macht zu bringen. So ist die Partei erstmals von 1998 bis 2004 unter dem Vorsitz Vajpayees an der Macht gewesen. Bei den Wahlen von 2004 verlor die BPJ allerdings die Macht an die Kongresspartei, bis sie 2014 erneut die Wahlen gewann und seitdem die Regierung in Indien bildet. Nun begannen die USA, Indien gegen China zu instrumentalisieren. Damit Indien diesen Part übernehmen kann, haben die USA dafür gesorgt, dass Pakistan neutral bleibt und sich von Konflikten mit Indien fernhält, sodass Indien, sollte es zu Auseinandersetzungen mit China kommen, freie Hand hat. Wie sehr Pakistans Herrscher die Menschen im Stich gelassen haben, zeigte sich, als Indien im vergangenen Jahr (am 05.08.2019) das besetzte Kaschmir zu einem Teil Indiens erklärte. Wir hatten bereits in einer Frage/Antwort vom 18.08.2020 ausgeführt:

Zur Überwindung dieser Spannungen begannen die Amerikaner, eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Indien und Pakistan zu forcieren. Ziel des Ganzen sollte sein, die indischen und pakistanischen Streifkräfte davon abzubringen, sich in der Auseinandersetzung um Kaschmir gegenseitig zu bekämpfen und ihre Anstrengungen in Richtung Kooperation mit den USA zu lenken, damit Chinas Aufstieg eingeschränkt wird. Die USA glaubten, dass ein Anschluss Kaschmirs an Indien und der amerikanische Druck auf das pakistanische Regime, um es daran zu hindern, Kaschmir militärisch zurückzuerobern und auf Mittel des Dialogs zu setzen, die Kaschmirfrage beendigen und die militärische Auseinandersetzung zwischen beiden Staaten verhindern würde. Ähnlich wie es mit der Autonomiebehörde von Abbas in Palästina und den benachbarten arabischen Staaten der Fall ist, wo es gleichermaßen zu keiner militärischen Auseinandersetzung mit dem Zionistenstaat kommt, während dieser von Palästina besetzen und annektieren darf, was ihm beliebt!

Daran haben sich die Regenten Pakistans gehalten. So hieß es aus dem Munde des Premierministers Imran Khan, seine Regierung werde auf die indische Regierung angemessen antworten, sollte sie einen Angriff auf Pakistan starten. (Anadolu, 30.08.2020) Das heißt, nicht zur Befreiung Kaschmirs! Etwa einen Monat später teilte er mit, Armeechef Bajwa habe ihm versichert, dass die pakistanische Armee bereit für eine Konfrontation mit Indien sei, falls es Azad Kaschmir angreifen sollte. (Geo News Channel, 26.12.2019) D. h., nur für den Fall, wenn es einen Angriff auf (das pakistanische) Azad Kaschmir geben sollte. Es geht also nicht um die Befreiung der Region Jammu und Kaschmir aus der Hand Indiens!

Siebtens: Pakistan, das enge Beziehungen zu China pflegt, erhebt keinerlei Ansprüche auf Aksai Chin, das einst indisch kontrolliert und von China besetzt wurde und ein Teil Kaschmirs ist. Pakistan erhebt auch keinerlei Ansprüche auf die in Kaschmir gelegene Region Ladakh, die von Indien kontrolliert wird und von der China einen Teil beansprucht. Und Pakistan, das sich immer erfreut über Auseinandersetzungen zwischen Indien und China zeigte, in der Hoffnung, dass der indische Erzfeind bezwungen würde, ist in diesem Fall auffällig ruhig geblieben. Der Sender CNN News 18 brachte am 26.05.2020 sein Erstaunen über das Schweigen pakistanischer Medien zum Ausdruck und wunderte sich, dass sie, entgegen ihrer Gewohnheit, nicht zusätzlich Öl ins Feuer gossen. Und das kann nur auf Druck der USA erfolgt sein. Diese wollen nämlich, dass Indien ein entspanntes Verhältnis zu Pakistan hat und sich nicht bedroht fühlt, indem sich etwa die pakistanische Armee in Stellung bringt, falls sich Indien in einen Krieg mit China begeben sollte. All das soll Indien dazu motivieren, zusätzliche Truppen von der pakistanischen an die chinesische Grenze zu verlegen. So hätte Indien eine bessere Ausgangslage, um China unter Druck zu setzen. Die Schlagkraft der chinesischen Armee würde sich dann zerstreuen, anstatt dass sie weiter auf das Chinesische Meer konzentriert ist. So wäre China auch ohne Krieg geschwächt. Die militärischen Kapazitäten wären zerstreut, einerseits in der Vorbereitung für eine Konfrontation mit Indien im Südwesten und andererseits in der Vorbereitung für eine Konfrontation mit den Hauptfeinden zur See: der US-Marine und der japanischen Armee, die ebenfalls die Stärke ihrer Streitmacht gegen China intensivieren.

Achtens: Die Muslime in Kaschmir haben das Gefühl, dass die Territorien ihrer Region nur noch ein Zankapfel zwischen zwei ungläubigen Staaten ist, die darauf aus sind, die Region auszubeuten und ihrer Kontrolle zu unterwerfen, während Pakistan und der Rest der muslimischen Herrscher als Zuschauer dabeistehen. Mehr noch: Pakistan hatte begonnen, die kaschmirischen bewaffneten Gruppen auf pakistanischem Boden zu verfolgen, um zu verhindern, dass sie Indien Schaden zufügen. Diese Realität, was Pakistan betrifft, und der indisch-chinesische Konflikt schwächen die Muslime Kaschmirs sehr. Nachdem Kaschmir gegen die indische Besetzung gekämpft hatte und von der pakistanischen Armee stark unterstützt wurde, sieht sich die Region heute mit zwei großen Staaten konfrontiert, ohne die geringste Hilfe von pakistanischer Seite zu erhalten. So räumt Pakistan noch mehr Konfliktregionen zugunsten Indiens frei – und das allein aus Ergebenheit zu den USA!

Es schmerzt, dass es bei den Auseinandersetzungen zwischen Indien und China um die Aufteilung islamischer Gebiete geht, besonders Kaschmirs und der umliegenden Region. Indien verlangt die Territorien zurück, die sich China im Krieg von 1962 an der Westgrenze einverleibt hat, nämlich Aksai Chin, das zur islamischen Region Kaschmir gehört. China wiederum beansprucht ein Gebiet der kaschmirischen Region Ladakh, das an Aksai Chin angrenzt, und sieht es als Teil der Region Xinjiang an, also des islamischen Ostturkestans. Diese Staaten streiten sich um vermeintliche Ansprüche auf islamische Territorien, während Pakistan sich als Vasall den USA anbiedert und der Rest der Muslime schweigt! Und so leben die Muslime durch das, was ihre eigenen Hände erworben haben, in Erbärmlichkeit und Elend. Allah, der Allmächtige und Gewaltige, spricht die Wahrheit, wenn Er sagt:

﴿وَمَنْ أَعْرَضَ عَنْ ذِكْرِي فَإِنَّ لَهُ مَعِيشَةً ضَنْكاً وَنَحْشُرُهُ يَوْمَ الْقِيَامَةِ أَعْمَى * قَالَ رَبِّ لِمَ حَشَرْتَنِي أَعْمَى وَقَدْ كُنْتُ بَصِيراً * قَالَ كَذَلِكَ أَتَتْكَ آيَاتُنَا فَنَسِيتَهَا وَكَذَلِكَ الْيَوْمَ تُنْسَى

Wer sich aber von Meiner Ermahnung abwendet, der wird ein erbärmliches Leben führen, und Wir werden ihn am Tag der Auferstehung blind versammeln. Er wird sagen: „Mein Herr, warum hast Du mich blind versammelt, wo ich doch sehen konnte?" Und Er wird antworten: „So sind Unsere Zeichen auch zu dir gekommen, doch hast du sie vergessen, und so wirst du auch heute vergessen sein. (10:124-126)

Ihr Muslime, hierin liegt eure Rettung: Folgt den Versen Allahs sowie dem Hadith des Gesandten (s), indem ihr die Herrschaft Allahs, das Rechtgeleitete Kalifat, errichtet. Denn dies ist der rechte Pfad und der Weg des ğihād. Es ist der Weg der Würde, der Macht und des Schutzes vor Übeltätern. Der Gesandte Allahs (s) sprach die Wahrheit, als er in dem von Abū Huraira überlieferten Hadith sagte:

»الْإِمَامُ جُنَّةٌ يُقَاتَلُ مِنْ وَرَائِهِ وَيُتَّقَى بِهِ«

Der Imam ist ein Schutzschild. Hinter ihm wird gekämpft und Schutz geboten.

So lasst euch belehren, ihr Leute mit Verstand!

30. Šauwāl 1441 n. H.

21. Juni 2020 n. Chr.

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