Donnerstag, 11 Rabi' al-thani 1442 | 26/11/2020
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بسم الله الرحمن الرحيم

Im Namen Allahs, des Erbarmungsvollen, des Barmherzigen

Stellungnahme
des Mediensprechers von Hizb-ut-Tahrir im deutschsprachigen Raum,
DI Shaker Assem

Liebe Geschwister, meine sehr verehrten Damen und Herren

Der Anschlag in Wien ist ein schlimmes Ereignis, das uns alle tief getroffen hat. Unser aufrichtiges Mitgefühl und Beileid gilt den Opfern und ihren Angehörigen.

An dieser Stelle sagen wir klar, dass der Islam solche Anschläge entschieden ablehnt und niemals rechtfertigt.

Der Erhabene sagt:

(مَن قَتَلَ نَفۡسَۢا بِغَيۡرِ نَفۡسٍ أَوۡ فَسَادٍ۬ فِى ٱلۡأَرۡضِ فَڪَأَنَّمَا قَتَلَ ٱلنَّاسَ جَمِيعً۬ا وَمَنۡ أَحۡيَاهَا فَڪَأَنَّمَآ أَحۡيَا ٱلنَّاسَ جَمِيعً۬ا‌ۚ وَلَقَدۡ جَآءَتۡهُمۡ رُسُلُنَا بِٱلۡبَيِّنَـٰتِ ثُمَّ إِنَّ كَثِيرً۬ا مِّنۡهُم بَعۡدَ ذَٲلِكَ فِى ٱلۡأَرۡضِ لَمُسۡرِفُونَ)

Wer ein menschliches Wesen tötet, ohne (dass es) einen Mord (begangen) oder auf Erden Unheil gestiftet (hat), so ist es, als ob er alle Menschen getötet hätte. Und wer es am Leben erhält, so ist es, als ob er alle Menschen am Leben erhalten hätte. (5:32)

Wer also ein richtiges Islamverständnis hat, kann und darf so eine Untat niemals begehen!

Wichtig ist aber, einen Blick auf die Medienberichterstattung zu werfen und auf die Stellungnahmen der politischen Eliten im Land.

Denn das, was die politisch Verantwortlichen unisono behaupten, dass der Anschlag gegen ihre freiheitlich-liberale Lebensordnung gerichtet war und der Täter aus Hass auf diese Gesellschaftsordnung gehandelt habe, kann so nicht stehen gelassen werden. Sollte wirklich ein aus Sicht des Täters „islamisches“ Motiv dahinter stecken, dann höchstens, dass er aus Verzweiflung gehandelt hat, weil er den Zusammenbruch der IS-Herrschaft rächen wollte, wie es ja auch in den sozialen Medien kolportiert wird. Die Lebensweise der Menschen hier war ihm aber egal, wie sie auch bei allen anderen vermeintlich „islamistischen“ Anschlägen egal gewesen ist. Zu behaupten, es sei ein Angriff auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung gewesen, stellt daher schlicht eine Verdrehung der Fakten dar. Wir als Muslime dürfen uns durch diese Manipulation nicht irreführen lassen.

Die Tatsache, dass solche Anschläge als Angriff auf die freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnung angesehen werden und man so seitens Politik und Medien einen Kampf der Kulturen heraufbeschwören will, zeigt in welch gefährlicher Situation wir uns befinden. Denn genauso werden die Muslime im Westen grundsätzlich betrachtet: als Gefahr für die liberale Grundordnung.

Und deswegen auch – so das Argument, das zwar nicht immer offen ausgesprochen wird, aber immer unterschwellig gemeint ist - müssen Muslime assimiliert werden, müssen ihre Identität und Lebensweise aufgeben und letztlich aufhören Muslime zu sein. Und genau hier liegt der Denkfehler, in dieser fatalen „Schwarz-Weiß-Malerei“: Entweder wir oder sie! Ein gemeinsames Leben in Europa kann es und darf es nach ihrer Meinung nicht geben. Denn die aggressive Integrations- bzw. Assimilationspolitik, die wir heute vor allem in Österreich erleben, ist genau von dieser Denkweise geprägt. Sie zielt darauf ab, das weltanschaulich Andere zu vernichten, anstatt ein vernünftiges Modell des friedlichen Zusammenseins zu entwickeln.

Es ist diese Politik, die polarisiert und die Gesellschaft in Hysterie versetzt, es ist diese Politik, diese militante Rhetorik und die damit einhergehenden repressiven Integrations- bzw. Assimilationsmaßnahmen (wie Kopftuchverbote, Moscheeschließungen, Bekenntnisforderungen zu den Werten der Mehrheitsgesellschaft etc.), wodurch Muslime ins Abseits geschoben und im Extremfall, in Einzelfällen, zu solch fehlgeleiteten Taten getrieben werden.

Es ist kein Zufall, dass wir gerade in Frankreich sich wiederholende, widerliche Angriffe auf Muslime und zugleich fehlgeleitete, islamrechtlich verbotene Gewalttaten durch Muslime sehen. Verantwortlich dafür ist in erster Linie die Politik, die nicht das friedliche Zusammensein fördert, sondern immer weiter polarisiert und provoziert und solche Taten schon fast heraufbeschwört.

Als Muslime dürfen wir es nicht zulassen, dass solche Anschläge instrumentalisiert werden, um unseren Islam und unsere islamische Identität anzugreifen und dass sie als Rechtfertigung herangezogen werden, um den Assimilationsdruck auf Muslime zu erhöhen. Das Problem ist nämlich nicht, dass die Muslime zu viel Islam haben, sondern zu wenig. Denn hätten sie viel Islam mit einem richtigen Islamverständnis, würde es zu solchen Anschlägen niemals kommen. Das heißt: je mehr Islam sie haben desto eher schützen sie sich selbst vor dem Abdriften in solche Gewalt und desto eher wird auch die Mehrheitsgesellschaft vor solchen Angriffen geschützt. Denn mit dem Schutzvertrag, den wir eingegangen sind und der uns hier in der Gesellschaft Schutz gewährt, sind auch wir verpflichtet, Blut, Vermögen und Ehre der Menschen im Lande nicht anzutasten.

Zudem lehnen wir es ab, dass dauernd vom islamistischen Terror gesprochen wird. Denn der Attentäter Anders Breivik in Norwegen und der Christchurch-Attentäter Brenton Tarrant haben ihre Massaker begangen, um den Westen und die westliche Kultur und Identität zu schützen. Sie haben also aus westlichen Motiven gehandelt. Trotzdem ist niemand auf die Idee gekommen, sie als liberale oder liberalistische Terroristen zu bezeichnen, obwohl sie gerade diese Lebensordnung schützen wollten.

Im Grunde haben wir es hier nicht nur mit Gewalttaten zu tun, die jeder verurteilen würde und sollte. Es geht vielmehr um eine übergeordnete weltanschaulich-politische Auseinandersetzung, in der mit zweierlei Maß gemessen wird: Während von Muslimen Solidaritätsbekundungen für die Mehrheitsgesellschaft erwartet werden und man von ihnen zu recht fordert, sich von solchen Taten klar zu distanzieren - was ja im Grunde der Islam von uns verlangt - ist man selbst nicht bereit, die eigene polarisierende Politik zu überdenken und die Ursachen solcher Taten – auf beiden Seiten - klar zu benennen. Denn mit Solidaritätsbekundungen und Symbolpolitik ist niemandem geholfen.

Wir erwarten, dass die politisch Verantwortlichen die Ursache für solche Taten, egal von welcher Seite sie begangen werden, identifizieren, benennen und schließlich beheben. Und diese Ursache ist ein seit zwei Jahrzehnten andauernder Feldzug gegen den Islam, der sich innenpolitisch in einer aggressiven und totalitären Integrations- bzw. Assimilationspolitik äußert und außenpolitisch in einer äußerst aggressiven Vorgehensweise in der islamischen Welt. Wir, von unserer Seite, möchten in Frieden mit unseren Mitbürgern leben und kommunizieren dies auch in der islamischen Community.

Die Orientierungslosigkeit, die Ohnmachtsgefühle und die daraus erwachsenden Gewalttaten – von welcher Seite auch immer - werden aber kein Ende nehmen, solange die politisch Verantwortlichen nicht ihren Kurs ändern und bereit sind, ein Zusammenleben zu begünstigen, in der die weltanschaulich-religiöse Identität und Lebensweise des Anderen vollumfänglich akzeptiert werden. Nur auf dieser Basis, auf der Basis der Akzeptanz des Anderen, kann ein langfristig friedliches Zusammensein gestaltet werden, frei von Gewalttaten und Anschlägen von fehlgeleiteten Muslimen als auch von säkularen Fanatikern wie Anders Breivik, Rathjen oder Brenton Tarrant, die ja gerade das Produkt dieser polarisierenden und gehässigen Politik und Rhetorik waren.

Liebe Geschwister. Was uns Muslime anlangt, so sollte dieses Ereignis ein Ansporn sein, uns tiefer und intensiver mit dem Islam auseinanderzusetzen, um nicht Opfer irgendeiner Manipulation zu werden. Wir sollten auch verstärkt mit der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft in Kontakt treten, um den Islam so zu präsentieren wie er in Wahrheit ist: eine Rechtleitung und Barmherzigkeit für die Weltenbewohner.

DI Shaker Assem
Mediensprecher von Hizb-ut-Tahrir
Im deutschsprachigen Raum

19. Rabīʿ al-Auwal 1442 n. H.
05.11.2020 n. Chr.
 

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